AG Kulturgeographie

Tagungsbericht Forschungswerkstatt Praktikentheorie 2013

Dieser Tagungsbericht ist 2013 im Rundbrief Geographie (245 der Gesamtfolge), S. 43–44, erschienen.

Praktikentheorie, Site Ontology und Humangeographie
Forschungswerkstatt in Kiel

Geographisches Institut, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, 10.–12. November 2013

Bericht von Gunnar Maus und Dominik Haubrich

Soziale Praxis als Untersuchungsgegenstand und konzeptionelle Perspektive in den Mittelpunkt zu rücken, war Ziel der Forschungswerkstatt „Praktikentheorie, Site Ontology und Humangeographie“ am Kieler Geographischen Institut (gefördert durch das Graduiertenzentrum der Universität Kiel). Auf Einladung von Gunnar Maus trafen sich elf KollegInnen, um ihre Projekte und konzeptionellen Überlegungen zum Begriff der sozialen Praxis zu diskutieren.

Zunächst diente Theodore Schatzkis „Site Site of the Social“ (2002) als Einstieg. Dessen „flache Ontologie“ beschreibt soziale Welt als Geflecht miteinander komplex verwobener Praktiken – verstanden als „Doings and Sayings“ – und sozialen Ordnungen. Neben dieser Praktikentheorie Schatzkis beriefen sich die TeilnehmerInnen in Ihren Beiträgen auch auf andere Praxistheorien, die alle einen Fokus auf das konkrete, körperlich-materielle Tun in Verbindung mit sozialen Bedingtheiten legen.

Werkstattberichte

Einführend näherte sich Jonathan Everts (Bonn) der Frage, was eine praxeologische Perspektive für die Geographie erzielen kann. Gemeinsam mit den TeilnehmerInnen erarbeitete er einen spezifischen Blick auf menschliches „Tun“. Diese Perspektive sollte einen Beitrag zu den virulenten Themen des Fachs – Geographien der Relation und Assoziation, der Logik des Profits, des räumlichen Denkens und Sprechens und eben der sozialen Praxis – leisten.

Workshop Praktikentheorie

Einen spezifischen praxeologischen Blick diskutierte im Folgenden Dominik Haubrich (Kiel) anhand wechselseitiger Herstellung von Un-/Sicherheit(en) im städtischen Alltag São Paulos. Er reflektierte empirisch nachgezeichnete Praktiken des ‚Autofahrens‘ und ‚Essengehens‘ und stellte eine abstrakte Re-Konstruktion des sozialen Phänomens mit Hilfe der Begrifflichkeiten Schatzkis vor. 

Einen Schwerpunkt auf die methodische Bestimmung räumlicher Praktiken legten Sebastian Dirks und Kristina Schulz (Duisburg-Essen). Anhand von Feldprotokollen und Interpretations-Memos rekonstruierten sie Raumproduktionen in den Alltagspraktiken von Sozialarbeitern in zwei deutschen Großstädten.

Die Kritik an der Leerstelle des ‚Politischen‘ in Schatzkis Sozialtheorie nahm Florian Dünckmann (Kiel) zum Anlass, das Verständnis politischen Handelns von Hannah Arendt für die Praktikentheorie fruchtbar zu machen. Am Beispiels des Occupy-Camps in Kiel diskutierte er, wie sich Arendts „Erscheinungsraum“ als „Site of the Political“ denken lassen kann.

Das Praktische-sich-Auseinandersetzen-mit-der-Welt thematisierten Annika Zeddel und Jan Winkler (Erlangen-Nürnberg) anhand von „Kulturen des Heilens.“ Mittels der Verortung der Praxisphilosophie John Deweys innerhalb eines weiten praxeologischen Wissensfeldes wurde dem zyklischen Prozess der „Erfahrung“ im Kontext des praktischen sowie emotional-körperlichen Erleidens und Erlebens im Feld von Gesundheit und Krankheit ein besonderer Stellenwert zugesprochen.

Gunnar Maus (Kiel) setzte sich mit dem sozialen Phänomen des ortsbezogenen Erinnerns auseinander. Er stellte einen praktikentheoretischen Ansatz für die Geographische Erinnerungsforschung vor und rekonstruierte „practice-arrangements-bundles,“ die Denkmalpfleger, Geocacher und Hobby-Historiker durch ‚Praktiken des Erinnerns‘ miteinander verbinden.

Angelo Müller (Kiel) bezog sich in seinem Beitrag auf das „knowing how to do business“ im translokalen Handel. Anhand der empirisch orientierten Betrachtung des „Tuns und Sagens“ afrikanischer Zwischenhändler in China diskutierte er, wie unternehmerische Handlungsfähigkeit in Ergänzung zu wissensbasierten Ansätzen als „generativer Tanz“ des „knowing in practice“ verstanden werden kann.

Matthias Lahr-Kurten (Bamberg) präsentierte einen Rückblick auf das Thema seiner Dissertation durch eine überarbeitete konzeptionelle Brille: Er erweiterete Schatzkis „arrangement“ um den „assemblage“-Begriff. So suchte er der  Maßstabs-Problematik zu begegnen und institutionelle Netzwerke aus dem Blickwinkel von Praktiken der Partizipation zu betrachten.

Abendvortrag im Geographischen Kolloquium

Den öffentlichen Abendvortrag im Rahmen des Kieler Geographischen Kolloquiums bestritten Jonathan Everts und Matthias Lahr-Kurten gemeinsam (vgl. auch Everts, Lahr-Kurten u. Watson 2011): In einem historischen Rückblick gingen sie auf die Kontakte deutschsprachiger Humangeographie mit Praxistheorien ein, stellten anschließend Schatzkis Ansatz einer Praktikentheorie detailliert vor und bezogen die ontologische Taxonomie Schatzkis auf zwei empirische Beispiele.
Discussant Roland Lippuner (Bremen) lenkte in der Abschlussdiskussion des Workshops den Blick auf Aspekte, die seiner Meinung nach weiter diskutiert werden sollten. Zunächst hob er die Rolle von Sozial- und Gesellschaftstheorien als Werkzeugkästen hervor, deren zentrale Funktion es sei, Perspektiven zu generieren. Stellt man etwa System- und Praxistheorien gegenüber, so ermöglichten beide zwar Abstraktionen steigender Komplexität, jedoch in völlig unterschiedlicher Ausprägung: von verschachtelten Organisationen im Großen einerseits und miteinander in sozialen Kontexten verwobenen Doings und Sayings im Kleinen andererseits. In diesem Sinne müsse man sich der spezifischen Gegenstandskonstruktion bewusst sein, die eine theoriegeleitete Betrachtung mit sich bringe. Zweitens wies Lippuner auf die noch kaum bearbeiteten methodischen Herausforderungen hin. Unklar sei zum Beispiel, ob die starke Favorisierung ethnographischer Methoden eine Herausforderung für die Methodenpraxis in der Humangeographie bedeute. Drittens machte Lippuner auf die im Workshop mehrfach angemahnten Leerstellen einer Praktikentheorie nach Schatzki aufmerksam. Am prominentesten traten dabei die fehlende Theoretisierung von Macht und des Politischen zu Tage.

Diese Fragen, weitere Projekte und präzisierte Konzepte sollen im Rahmen einer Folgeveranstaltung in Bamberg gegen Ende des Sommersemesters 2014 diskutiert werden. Ansprechpartner ist Matthias Lahr-Kurten. Am Ende des Workshops stand für die Teilnehmenden des Workshops die Anschlussfähigkeit an die geographische Forschung von Praxistheorien im Allgemeinen und von Praktikentheorie nach Schatzki im Speziellen jedenfalls außer Frage.

Literatur

Everts, Jonathan; Lahr-Kurten, Matthias; Watson, Matt (2011): Practice Matters! Geographical inquiry and theories of practice. In: Erdkunde 65 (4), S. 323–334.
Schatzki, Theodore R. (2002): The Site of the Social: A Philosophical Account of the Constitution of Social Life and Change: Pennsylvania State University Press.