AG Kulturgeographie

Rückkehr der Wölfe

Von Menschen, Hunden und Wölfen - artenübergreifende Wirklichkeitsproduktion in der Contact Zone

M. Sc. Sebastian Ehret

 

Die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland schlägt in der Gesellschaft hohe Wellen. Seit sich Wölfe im Jahr 2000 erstmals wieder in Deutschlands angesiedelt haben, lösen sie vielerorts starke positive wie negative Emotionen bei Bewohnerinnen und Bewohnern sowie bei den verschiedensten Interessensgruppen aus. Neben ihrer neuen physisch-materiellen Anwesenheit spielen auch die jahrhundertealten Bilder und Symboliken von Wölfen eine Rolle.

Dieses Spannungsfeld aus kulturellen Repräsentationen und materieller Kopräsenz macht die Rückkehr der Wölfe für die Kulturgeographie zu einem spannenden Thema. Besonders die Animal Geographies beschäftigen sich sowohl mit den sozialen und kulturellen Repräsentationen von Tieren als auch mit posthumanistischen und nicht-repräsentationalen Ansätzen, wobei sie verschiedene Formen tierischer Handlungsfähigkeit und deren Einfluss auf Mensch-Tier-Beziehungen in den Vordergrund rücken.

Ganz im Sinne der Animal Geographies folgt das Promotionsprojekt der Auffassung, dass die gemeinsamen Regeln und Strukturen der Koexistenz von Menschen und Wölfen nicht ausschließlich vom Menschen bestimmt werden. Koexistenz entsteht auf der Basis von direkten und indirekten Begegnungen, von gegenseitigem Sich-aneinander-Gewöhnen und von aufeinander bezogenem Handeln und Reagieren. Die Regeln und Strukturen artenübergreifender Koexistenz sind zudem nicht statisch, sondern dynamisch und das Ergebnis von verschiedensten Aushandlungsprozessen, die immer an konkreten Orten und in konkreten Räumen stattfinden. Die amerikanische Theoretikerin Donna Haraway (2008) nennt diese Orte und Räume, an denen sich Menschen und Tiere begegnen, Contact Zones.

Empirisch nimmt das Promotionsprojekt insbesondere Hundehalter/innen und ihre Hunde in den Blick, die in den Wolfsgebieten der Lausitz leben und auf ihren täglichen Spaziergängen bereits seit vielen Jahren ein und denselben Raum mit Wölfen teilen. Auf diesen Spaziergängen kommt es auch nach fast 20 Jahren nur äußerst selten zu direkten Begegnungen zwischen Menschen und Wölfen. Trotzdem sind es gerade die Hunde, die die Präsenz von Wölfen auf andere Art und Weise und häufig auch differenzierter als die Menschen wahrnehmen können. Ihnen kommt also bei der gemeinsamen Wirklichkeitsproduktion in den Contact Zones der Lausitz eine besondere Rolle zu.

Das Forschungsprojekt macht deutlich, wie komplex und vielschichtig die Koexistenz von Menschen, Hunden und Wölfen ist. Damit möchte es dazu beitragen, die Rückkehr der Wölfe, wie sie momentan vielerorts kontrovers diskutiert wird, tiefer und differenzierter zu verstehen.

 

Gustave Dorés Rotkäppchen

 

 

Gustave Doré (1867): Illustration zu Charles Perraults Le Petit Chaperon rouge
(Quelle: gallica.bnf.fr)